Klassik trifft Zukunft
Klassik trifft Zukunft, Foto: pexels

Die internationale Trendforscherin Lidewij Edelkoort stellte auf der Messe Modefabriek in Amsterdam ihre umfassende Prognose für die Mode im Herbst und Winter 2026/27 vor. Ihre Vision zeichnet sich durch Rückbesinnung auf Konvention, funktionale Handwerkskunst und schützende Kleidung aus. Der Fokus liegt auf gut konstruierter, konservativer Kleidung mit architektonischer Struktur, kombiniert mit natürlichen Materialien wie Wolle, Baumwolle und Fell. Einige klare Trends heben sich ab und deuten auf einen tiefgreifenden Wandel im Modeverständnis hin.

Rückkehr zur Konvention laut Lidewij Edelkoort

Straßenmode verliert an Bedeutung. Edelkoort betont, dass Streetwear praktisch über Nacht verschwunden sei. Sie spricht von einem grundlegenden Wandel: Turnschuhe verwandeln sich in Mokassins, T-Shirts in Hemden und Blousonjacken in Blazer. Diese Entwicklung bedeutet nicht nur eine stilistische Veränderung, sondern auch eine Neupositionierung der gesamten Branche.

Konventionelle Kleidung wird neu interpretiert. Edelkoort zeigt in ihrer Präsentation klassische Kombinationen: eine plissierte Bluse mit hohem Kragen, ein Rundhalspullover und eine Perlenkette. Die Modeforscherin hebt hervor, dass solche Outfits nicht veraltet wirken müssen – Humor und gute Konstruktion machen sie zeitgemäß.

Auch die Herrenmode erlebt eine Neuerfindung. Anstelle von langen Hosen dominieren auffallend kurze Shorts. Designer wie Jonathan Anderson setzen für Dior Men auf mutige Farben wie Weiß und Rosa. Edelkoort zieht Parallelen zu wirtschaftlichen Indikatoren – ähnlich wie Rocklängen einst als Symbol gesellschaftlicher Stimmung galten.

Shorts liegen im Trend
Shorts liegen im Trend, Foto: pixabay

Workwear wird zur eigenständigen Kategorie

Ein weiterer bedeutender Trend betrifft von Arbeitskleidung inspirierte Mode. Latzhosen, Rollkragenpullover, gebürstete Jacken mit verdeckten Reißverschlüssen und robuste Nähte stehen im Zentrum dieser Entwicklung. Besonders in den Niederlanden trifft der bodenständige Stil auf kulturelle Akzeptanz.

Die Silhouetten wirken industriell und funktional. Materialien wie Wolle, Baumwolle und Denim dominieren. Farben sind hell und natürlich. Edelkoort sieht in dieser Workwear eine tragbare Alternative zum klassischen Anzug, die dennoch Eleganz ausstrahlt.

Typische Workwear-Elemente:

  1. Latzhosen mit Werkzeugschlaufen

  2. Schlicht gestrickte Rollkragenpullover

  3. Jacken mit verdecktem Reißverschluss

  4. Ton-in-Ton Kombinationen aus Jacke und Hose

Die Kombination aus klarer Konstruktion und natürlicher Funktionalität wird zum Leitmotiv.

Wolle, Fell und tierische Muster

Wolle wird das Schlüsselmaterial der Saison Herbst/Winter 2026/27. Edelkoort hebt ihre Vielseitigkeit hervor. Von Alpaka und Mohair bis zu Bouclé und groben Strickwaren – wollige Texturen dominieren sämtliche Kollektionen.

Auch Tiermotive feiern ein Comeback. Leopardenmuster bleiben präsent – besonders bei Strumpfwaren und Accessoires. Reptilienmuster mit Fisch- und Schlangenhautoptik finden sich ebenfalls häufig. Zusätzlich kehrt Pelz zurück – selbst in Sommerkollektionen.

Ein Foto aus der Präsentation zeigt eine Frau in einem karierten Tweedmantel mit weißer Strickhaube, neben einem Schaf mit dunklem Vlies – beide mit erstaunlicher Ähnlichkeit. Diese Visualisierung verdeutlicht Edelkoorts poetische Verbindung zwischen Natur und Mode.

Schutzkleidung als Reaktion auf globale Unsicherheiten

Ein zentrales Thema der kommenden Saison ist Schutz. Edelkoort spricht von Kleidung, die wie eine „Rüstung“ wirkt – mit militärischen Einflüssen, Eskimo-Silhouetten und Weltraumanleihen. Daunenjacken werden überdimensioniert, Stoffe mehrlagig, Materialien wasserabweisend und robust.

Die Farbwelt unterstützt dieses Konzept:

  • Metallische Töne wie Bronze

  • Verwaschene Farben, die an Teddybären erinnern

  • Ornamentale Details, die mittelalterliche Rüstungen zitieren

Einteilige Anzüge und wattierte Mäntel wie bei Moncler verdeutlichen die Idee der Schutzfunktion.

Farbtrends zwischen Rationalität und Fantasie

Grau kehrt zurück – in unterschiedlichen Nuancen mit Blau- oder Grünstich. Edelkoort beschreibt Grau als rational, schick und elegant – ideal für Hosen, Mäntel oder Strickaccessoires. Kombiniert mit Braun oder Marineblau entstehen harmonische Looks.

Weitere wichtige Farbtöne für Herbst/Winter 2026/27:

  • Rosa und Rot als neue Neutralfarben

  • Hellblau mit aktivistischer Ausstrahlung

  • Pastelltöne im romantischen Stil

  • Intensive Farben aus der Tierwelt, wie Chamäleonverläufe oder schillerndes Petrol

  • Leuchtendes Gelb im Stil des Fauvismus

Diese Vielfalt ermöglicht kreative Kombinationen für Muster, Jacquard-Strick und mehr.

Nachhaltige Trends und langsamer Wandel

Edelkoort betont, dass sich Trends langsam entwickeln. Die Rückkehr der Hüfthosen dauerte rund 15 Jahre. Auch die neutrale Farbpalette, die sie einst auf marokkanischen Märkten entdeckte, fand erst viel später breite Akzeptanz. Diese Zeitverzögerung sieht sie als Vorteil.

Grau ist wieder da
Grau ist wieder da, Foto: pexels

TikTok-Trends seien zu flüchtig, um wirtschaftlich relevant zu sein. Statt auf kurzlebige Phänomene zu setzen, empfiehlt Edelkoort Beständigkeit: Wer beispielsweise gestreifte Blusen erfolgreich verkauft, sollte neue Varianten entwickeln. Kontraststreifen oder ungewöhnliche Einsätze können Aufmerksamkeit erzeugen, ohne das Hauptprodukt zu verdrängen.

Tipps zur strategischen Produktentwicklung:

  1. Bestehende Bestseller variieren

  2. Authentizität und handwerkliche Qualität in den Mittelpunkt rücken

  3. Funktionalität und Emotion vereinen

  4. Farben bewusst einsetzen, um Produkte zu differenzieren

Edelkoorts Schlüsselbegriff für diese Haltung ist „Favor“ – ein Designansatz, der auf Sorgfalt, Menschlichkeit und klare Werte setzt. In einer unübersichtlichen Welt könne Mode so Orientierung bieten.

 Quelle: Fashion United

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